Der Nationalpark setzt auf gute Ausbildung seiner Waldführer
von Heinrich Vierlinger
Gut ausgebildeten, engagierten und kompetenten Waldführern kommt eine enorm wichtige Bedeutung bei der Umsetzung des vorgeschriebenen Bildungsauftrages der Nationalparkverwaltung zu. Diese Zielsetzung verfolgt und unterstützt auch der Verein Pro-Nationalpark Freyung-Grafenau e.V. nach vollen Kräften. Angeregt durch Pro-NP kam es deshalb vor kurzem zu einer ganztägigen Fortbildungsveranstaltung unter der Überschrift „Neues aus der Forschung im Nationalpark“. Das zuständige Sachgebiet Forschung hatte unter der Leitung von Dr.Jörg Müller dazu in das Haus zur Wildnis nach Ludwigsthal geladen und die Veranstaltung mit großem personellen Aufwand gestaltet.
In Kurzvorträgen stellte ein sowohl aus den eigenen Reihen kommendes als auch externes Forscherteam seine Arbeiten aus elf verschiedenen Projekten vor.
Die behandelten spannenden Themen reichten von den konkreten bzw. zu erwartenden Auswirkungen des Klimawandels, untersucht an unserer heimischen Flora und Fauna, über die Bedeutung der verschiedenen bei uns vorkommenden Waldgesellschaften, die Beobachtung und Telemetrierung wieder angesiedelter Tierarten wie z.b.Luchs und Habichtskauz, bis hin zur sozialökonomischen Bedeutung unseres Nationalparks für unsere Region.
So wird zum Beispiel .infolge der Klimaerwärmung die Jahresdurchnittstemperatur bei uns bis zum Jahr 2100 bis zu 2°,schlimmstenfalls 4° Celsius zunehmen. Die Auswirkungen dieses Temperaturanstiegs an unserer Tier- und Pflanzenwelt werden seit einiger Zeit an den Messpunkten von vier Forschungstransekten im Nationalparkgebiet erfasst. Schon jetzt lässt sich z.B. mit Sicherheit sagen, dass verschiedene Kälte liebende Arten, die in kalten Nischenstandorten seit der letzten Eiszeit bei uns existieren konnten, verschwinden aber auch bisher im wärmeren Flachland lebende Arten zuwandern werden.(Ein bisher nur am Plattensee vorkommender Käfer wurde bei uns festgestellt). So richtig warm wird es etwa ab dem Jahr 2030. Die Folge wird sein, dass es auch bei uns häufiger zu extremen Wetterlagen mit zunehmenden Niederschlägen im Winter und ausbleibenden im Sommer kommen wird.
Ein weiteres interessantes Thema waren die Ausführungen externer Forscher zu allgemein meist völlig unbeachteten Gradmessern der Lebensraumqualität im Nationalparkgebiet, nämlich zu Flechten, Pilzen und Schwebfliegen. Verkürzt gesagt kann man dabei festhalten, je dicker und je älter die Bäume, je mehr Totholz, vor allem Buche, umso größer die Vielfalt an Pilzen, Flechten und Schwebfliegen und damit die Artenvielfalt. Auf dem Gebiet des Nationalparks leben von den deutschlandweit ca.10 000 verschiedenen Pilzarten ungefähr 1300 verschiedene Spezies und diese wiederum nahezu zu 80 % in der Naturzone des Nationalparks bzw. in den noch vorhandenen Urwaldrelikten.
Heinz Holzer der Referent und anerkannte Pilzspezialist konnte bei seinem Forschungsprojekt sogar einige spektakuläre Erfolge vorweisen. Er fand in unserem Nationalpark echte weltweite Raritäten.
Beispiele:
Duftender Goldporling (an finalen Tannen, sehr selten)
- Bresinskys Spaltporling (2000 erstmals beschrieben)
- Zitronengelbe Tramete (1991 erstmals beschrieben)
- Dünner Feuerschwamm (im NP in Massen, sonst sehr selten)
- Wattiger Saftporling (weltweiter Zweitfund hier im NP)
- Weisser Gnomseitling (weltweiter Erstfund im NP)
- Rundsporige Lorchel ( nach 80 Jahren Wiederfund)
Ähnliches gilt für den Bereich der Flechten, deren enorme Wichtigkeit von einem weiteren Fachmann, nämlich von Johannes Bradtka vorgestellt wurde. Er machte sich die Arbeit auf den vier bestehenden Forschungstransekten im NP die Flechten zu kartieren, und richtete auf diesen über mehrere Kilometer vom Berg zu Tal führenden Forschungsstreifen alle 100 Meter, insgesamt 110 jeweils 200 Quadratmeter große Probeflächen, sog. Plots, ein. Innerhalb eines Jahres konnte Bradtka auf diese Weise 165 Flechtenarten im Nationalpark feststellen, was für mitteleuropäische Bergwälder sehr hoch einzuordnen ist. Die meisten Flechtenarten, nämlich 100 verschiedene, leben in den alten Urwaldrelikten und in den Naturzonen des Nationalparks. Die Managementwälder des Randbereiches besiedeln mit ca. 40 Arten hingegen deutlich weniger.
Flechten bilden für viele Tiere, von Schnecken über Raupen bis hin zu den großen Pflanzenfressern, eine z. T. sehr wichtige Nahrungsgrundlage. Vögel verwenden Flechten zum Nistbau, und so manche Säugetierart weiß die isolierende Wirkung von Flechten zu schätzen und polstert damit die Höhle für den Winterschlaf aus. Da viele von ihnen auf Luftverschmutzung sehr empfindlich reagieren z.B. unsere heimische Bartflechte, gilt ihre Anwesenheit auch als wichtiger Indikator für saubere Luft.
Was den Lebensraum anbelangt, sind Flechten als einzelne Art oft sehr anpassungsfähig. Generell bevorzugen sie Wälder, besiedeln aber auch Extremstandorte, wie z. B. die Blockhalde am Lusengipfel. Lebensentscheidend ist das Vorkommen von Totholz und sehr alter Bäume für sie. Sie besitzen nämlich Lebenszyklen bis zu eintausend Jahren und sind somit auf alte geschützte Wälder(Prozessschutzwälder), wie es sie im Nationalpark gibt und langfristig nachwachsen, unbedingt angewiesen.
Neben der Erforschung unserer Pflanzenwelt sollten auch einige Geheimnisse um unsere Wiederkehrer aus dem Bereich der Tierwelt gelüftet werden. So wurden vor allem Ergebnisse aus der Telemetrierung von Luchs und Habichtskauz vorgestellt. Mit Hilfe von Fotofallen und Sendern versucht die Biologin Kirsten Weingart mehr über ihre Zahl und Lebensweise in der Region zu erfahren. Die vorliegenden Ergebnisse weisen zur Zeit auf einen Bestand von ca.5-8 Luchsen hin. Mit Hilfe hervorragender Fotos wird es gelingen mehr über die anwesenden Beutegreifer zu erfahren.
Von den bereits ausgewilderten mehreren hundert Habichtskäuzen seit Bestehen des Nationalparks berichtete der Neuschönauer Diplomant Daniel Neubauer. Er „verfolgte“ ein Jahr lang den zweitgrößten Greifvogel unserer Region. Von bekannten 6 Brutpaaren bei uns sowie 11 Brutpaaren im NP Sumava konnte er berichten. „Für Ornithologen ist der Habichtskauz die Nummer 1 unter den Vögeln im Nationalpark. Um seinem Gesang in der Balzzeit im Spätwinter zu lauschen, kommen sie von weither angereist“ erzählte er.
Aus der Gattung der Waldhühner stellte Daniel Müller seine Ergebnisse zum Haselhuhn vor. Es ist der kleinste Hühnervogel im Wald neben Birkhuhn und Auerhuhn und ist wegen seines perfekten Tarngefieders und auch der geringen Größe noch am häufigsten unter dieser stark bedrohten Gattung anzutreffen. Seine Population liegt derzeit vermutlich bei einer Anzahl von 50 – 70 Tieren. Bei der Betrachtung von Lebensraum und Futterplätzen sind wiederum das Vorhandensein von Wurzeltellern, Totholz, Waldbeeren, Kätzchenblüher von besonderer Bedeutung.
Dr.Heiner Rall,Sachgebietsleiter Forschung stellte abschließend die Job-Studie vor.
Diese bestätigt: Die Schlagkraft der Marke „Nationalpark“ wird zu wenig erkannt und genutzt.
Vor allem die zum Teil recht deutlichen Unterschiede der Aussagen zwischen den Bewohnern des Falkenstein-Rachel-Gebietes und des Rachel-Lusen-Gebietes waren bemerkenswert, ebenso wie eine der Kernaussagen des Referenten, dass das Wirtschaftspotential in beiden Bereichen noch viel besser auszuschöpfen wäre.
Das Resumee der ohne jeden Zweifel gelungenen Veranstaltung für die anwesenden Waldführer und Ranger der Nationalparkwacht war: Im Prozessschutzwald unseres Nationalparks ist der natürliche Kreislauf wieder in Gang gekommen und die begleitende Forschung leistet einen enorm wichtigen Beitrag zum Verstehen der komplizierten Abläufe.
Herzlich Willkommen auf der neuen Internetseite von Pro Nationalpark Freyung-Grafenau e.V.
