PNP-Serie zum 50.Geburtstag NP

Am Anfang stand nur eine Idee

Serie des Grafenauer Anzeigers zum 50. Nationalpark-Jubiläum im Jahr 2020- Initiativen zur dessen Errichtung begannen bereits 1967.
18.01.2018 | Stand 18.01.2018, 02:17 Uhr

 

Er begleitete die Entstehung des Nationalpark von der ersten Stunde an: Michael Haug. - F.: Nigl

Grafenau.

Was heute als das Markenzeichen unserer Region gilt, ist unter großen Wehen entstanden. Die Rede ist vom Nationalpark Bayerischer Wald, der im Jahr 2020 seinen 50. Geburtstag feiern wird. Anlass genug für den Grafenauer Anzeiger, im Vorfeld eine kleine Serie zu starten, die den Weg bis zur Geburt des Parks aufzeigt. Autor ist Michael Haug, langjähriger Nationalparkmitarbeiter der ersten Stunde, der dessen Entstehungsgeschichte wohl wie kein Zweiter kennt.
Wie gesagt, am 7. Oktober 1970, wurde der Nationalpark Bayerischer Wald offiziell aus der Taufe gehoben. Die Initiativen begannen aber bereits drei Jahre vorher, so lässt sich u.a. der 17. Januar 1967 nennen - wo erstmals eine Art Nationalparkkonzept aufgetaucht ist.
Haug war vor 50 Jahren Student der Landschaftspflege und der Landschaftsplanung an der TH München-Weihenstephan. Damals, in der Endphase des Studiums, sei die Idee, im Bayerischen Wald einen Nationalpark zu gründen, heftig diskutiert worden. Prof. Wolfgang Haber, damaliger Leiter des Instituts für Landschaftsökologie, hatte den Auftrag erhalten, ein Gutachten für die Nationalparkpläne zu verfassen. Auftraggeber war der Deutsche Rat für Landschaftspflege. "Ist es für Deutschland möglich, einen Nationalpark auszuweisen?" Das war die Frage, um die sich laut dem mittlerweile 78-jährigen Haug die Fachwelt mächtig gestritten habe.
Der etablierte Naturschutz habe damals die Gedanken eines Nationalparks im Bayerischen Wald rundweg abgelehnt. Und das, obwohl Ende Januar 1968 Abgeordnete des Bayerischen Landtags sowie die CSU und die SPD Anträge für die Errichtung eines Nationalparks Bayerischer Wald eingereicht hatten. Die Anträge der CSU allerdings hätten sich laut Haug lediglich auf einen Nationalpark im "Lusengebiet" beschränkt. Die SPD-Abgeordneten hätten einen Nationalpark im Rachel-Lusengebiet mit mindestens 9000 Hektar Fläche gefordert. Beide Anträge hätten einen ausreichenden Schutz der angrenzenden Land- und Forstwirtschaften sowie die ausreichende Beachtung der Lebensinteressen der angrenzenden Landwirtschaft beinhaltet. Außerdem solle der Bund für eine finanzielle Beteiligung gewonnen werden. Das waren die Forderungen der Abgeordneten.
Neben dem Artenschutz erhofften sich die Nationalparkbefürworter außerdem eine Belebung des Tourismus. Um die Ziele und Vorstellungen konkreter zu fassen, wurde im Vorfeld auch ein "Zweckverband zur Förderung des Projektes eines Nationalparks im Bayerischen Wald" gegründet. Mit dem Begriff "Nationalpark" verbanden die damaligen Initiatoren eine erhoffte staatliche Förderung der strukturschwachen Region sowie ein Engagement der Bundesregierung. Auch wollte man mit dem Begriff Nationalpark nach amerikanischem Vorbild auf dem internationalen Markt mithalten können.
Die erste Nationalparkkonzeption ist im Jahr 1967 entstanden und wurde vom Zweckverband an die Regierung von Niederbayern weitergeleitet. In diesem Konzept waren eine Mindestgröße von 6000 Hektar sowie genaue Angaben zu Art und Zahl der zu haltenden Tiere vorgesehen. Bei den ersten Überlegungen über ein geeignetes Gebiet sei vorrangig vom Staatswald zwischen Sagwasser und Reschwasser östlich vom Lusen ausgegangen worden, doch auch das Staatswaldgebiet westlich des Lusens sei immer wieder im Gespräch gewesen. Für Probleme sorgte allerdings die Tatsache, dass die relativ geringe Fläche von 6000 Hektar nicht mit einem "Groß-Schutzgebiet" mit ungestörter Entwicklung konform gehen konnte. Im Plan, der die Unterschrift des damaligen Zweckverbandsvorsitzenden und Nationalpark-Motors Karl Bayer trägt, waren zirka 900 Hektar Kahlschläge, 30 Kilometer lange Zäune und eine "Großfütterung" auf jeweils sechs Quadratkilometer großen Flächen vorgeschlagen. Kosten sollte die Errichtung des Nationalparks 6,5 Millionen Mark, und auch Vorstellungen über eine künftige Holznutzung wurden formuliert. Die Holznutzung sollte schrittweise auf zwei Drittel der bisherigen Nutzung zurückgefahren werden. Dieser Plan wurde am 18. Oktober 1967 eingereicht.

Das Haber-Gutachten als Geburtshelfer
2. Teil der Serie des Grafenauer Anzeiger zum 50. Jubiläum des Nationalparks im Jahr 2020 - Am Anfang stand viel Papier
02.02.2018 | Stand 02.02.2018, 09:06 Uhr

Grafenau. Was heute als das Markenzeichen unserer Region gilt, ist unter großen Wehen entstanden. Die Rede ist vom Nationalpark Bayerischer Wald, der im Jahr 2020 seinen 50. Geburtstag feiern wird. Anlass genug für den Grafenauer Anzeiger, im Vorfeld eine kleine Serie zu starten, die den Weg bis zur Geburt des Parks aufzeigt.
Autor ist Michael Haug, langjähriger Nationalparkmitarbeiter der ersten Stunde, der dessen Entstehungsgeschichte wohl wie kein Zweiter kennt. Im zweiten Teil geht es um das Haber-Gutachten, das am heutigen 2. Februar ein Jubiläum feiern kann.
Am 2. Februar 1968 wurde nämlich das Haber-Gutachten (erstellt vom Münchner Professor Wolfgang Haber) an den Bayerischen Ministerpräsidenten, den Landtag und den Senat geschickt und sollte in den darauf folgenden Diskussionen eine zentrale Rolle spielen. Anderthalb Jahre später wurde das Gutachten zur Grundlage für den Beschluss des Bayerischen Landtages zum Nationalpark Bayerischer Wald. Gleichzeitig diente es als Arbeitsgrundlage für die staatlichen Beamten und Angestellten, die ab November 1969 mit der Umsetzung der Beschlüsse des Bayerischen Landtages betraut wurden. Bereits bei der Veröffentlichung sei laut Haug ein grundsätzliches Missverständnis entstanden, das den Nationalpark mindestens ein Jahrzehnt begleiten sollte.
Dem Haber-Gutachten lagen die Planungsüberlegungen vom Zweckverband zur Förderung des Projektes eines Nationalparks vor. Deswegen ist eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit diesen Nationalpark-Plänen erforderlich gewesen. Die Bemühungen um die Schaffung eines großen Vollnaturschutzgebietes seien "in sehr positiver Weise" begrüßt worden. Haber hält fest: "Der Begriff Nationalpark hat keinen eindeutigen Inhalt. Bestehende europäische Nationalparks können nicht ohne weiteres als Vorbilder herangezogen werden. [...] Die unvoreingenommene Prüfung der landschaftsökologischen Voraussetzungen des Projekts zeigt, dass es als Bergwald-Nationalpark mit dem vorhandenen Wildbestand nicht zu verwirklichen wäre. Wenn man der Meinung ist, ein großes Stück Natur [...] zum Nationalpark zu erheben, dann würde sich der Hintere Bayerische Wald [...] vorzüglich dazu eignen und nicht nur der zur Zeit dafür ausersehene Ausschnitt von 50 Quadratkilometer im Umkreis des Lusen."
Neben den vorhandenen Wildarten sollten vielleicht auch Bär, Luchs, Wisent, Elch, Wildpferd, Schwarzwild und Biber hier eine neue Heimat finden. Umfangreich setzte sich Haber mit den Beobachtungsmöglichkeiten für Wildtiere in Waldgebieten auseinander sowie mit der Idee, aus touristischen Überlegungen Schaugehege anzulegen.
Laut Haber soll der geplante Park nicht auf das kleine Gebiet zwischen Lusen und Mauth beschränkt, sondern nach Nordwesten bis etwa zur Linie Rachel - Bhf. Klingenbrunn ausgedehnt werden. Als Südgrenze wäre die Trasse der alten Spiegelauer Waldbahn geeignet.
In diesem Gebiet werden mindestens fünf Großwild-Schaugehege von jeweils 6 bis15 Hektar Größe angelegt, und zwar an der südlichen, klimatisch und verkehrsmäßig begünstigten Grenze. In diesen Gehegen sollen Rothirsche, Wildschweine, Bären, Wisente und Elche gehalten werden. Als Plätze würden in Frage kommen: Neuhütte, Guglöd, Altschönau, Weidhütte und Glashütte.
Der im Parkgebiet frei lebende Großwildbestand soll im wesentlichen aus Rotwild, daneben aber auch aus Gemsen, Mufflons und Rehen bestehen und eine Kopfzahl von 220 bis 230 Stück nicht überschreiten.
Der Wald wird weiterhin naturgemäß gepflegt und die Holznutzung fortgesetzt, doch hat diese sich den Erfordernissen des Parkes unterzuordnen, z. B. durch Erhöhung der Umtriebszeit.
Die Erschließung des Gebietes mit Fahr- und Wanderwegen wird fortgesetzt und durch Reitwege ergänzt. Eine kleine Anzahl von Fahrwegen ist für den Kraftwagenverkehr freizugeben, und zwar in einem Einbahn-Rundverkehr. Alle übrigen Fahrwege sollen nur für den Verkehr von Kutschwagen und Schlitten zugelassen werden.
Durch mindestens fünf Wald- und Wildlehrpfade werden der Wald und seine Tier- und Pflanzenwelt unter besonderer Berücksichtigung der Eigenarten des Gebietes den Besuchern näher gebracht. Dazu können auch die vorhandenen Naturschutzgebiete herangezogen werden, vor allem - nach dem Vorbild der Anziehungskraft des Kubany-Urwaldes - die urwaldartigen Bestände in der Rachelseewand, am Lusen sowie im Bärenriegel.
Der Park wird auf Grund eines besonderen Gesetzes als Selbstverwaltungskörperschaft eingerichtet. An deren Spitze stehen ein Direktor - möglichst ein Forstmann - und ein Verwaltungsrat, dem Vertreter der Gemeinden, Landkreise, des Regierungsbezirkes, Landes und des Bundes sowie je ein Zoologe, Botaniker, Jagdwissenschaftler, Forstwirt und Landschaftsökologie angehören.
Für den Landschaftsplan und für die erforderlichen Einzellandschaftspläne sollte die von den Naturparken bewährte Dreiteilung in eine Anreise- und Einkehrzone um die Orte Klingenbrunn, Spiegelau, St. Oswald, Schönanger/Neuschönau und Mauth (die außerhalb des Parkes bleiben können), eine Spazier- und Lagerzone in den Waldrand- und randnahen Waldgebieten im Gebiet der "warmen Hangzone", wo auch die Wildgehege, Waldlehrpfade sowie die Winterfütterungen mit Erlebnismöglichkeiten für Wildbeobachtungen und der Naturschutz- bzw. Urwaldgebiet sowie weiteren Lehrpfaden, Schutzhütten und -dächern Anwendung finden. Letztere bildet das eigentliche Kerngebiet des Nationalparkes, zumal die Bergfichtenwälder die naturnahesten Gebiete darstellen, und sollte auch ein Jagdbanngebiet werden.
Diese Vorschläge wurden Teil des Landtagsbeschlusses vom 11. Juni 1969.

 

Seilbahn und Skizirkus: große Tourismus-Pläne als Geburtshelfer

Teil 3 der Serie des Grafenauer Anzeiger zum Nationalpark-Geburtstag im Jahr 2020 - Michael Haug blickt auf die Anfangsjahre zurück
20.02.2018 | Stand 20.02.2018, 03:34 Uhr
Grafenau. Was heute als das Markenzeichen unserer Region gilt, ist unter großen Wehen entstanden. Die Rede ist vom Nationalpark Bayerischer Wald, der im Jahr 2020 seinen 50. Geburtstag feiern wird. Anlass genug für den Grafenauer Anzeiger, im Vorfeld eine kleine Serie zu starten, die den Weg bis zur Geburt des Parks aufzeigt.
Autor ist Michael Haug, langjähriger Nationalparkmitarbeiter der ersten Stunde, der dessen Entstehungsgeschichte wohl wie kein Zweiter kennt. Im dritten Teil geht es um den Tourismus, dem in den Jahren vor der Nationalpark-Gründung eine immer größere Bedeutung zukam.
"Das letzte Drittel der 60-er Jahre war eine spannende Zeit für den gesamten Bayerischen Wald. Auf der einen Seite die Entwicklungsstrategen. Es war allgemein bekannt, dass der Bayerische Wald wirtschaftlich unterentwickelt war. Es bestand wohl wenig Hoffnung, dass die Region zukunftsträchtige Industrie an Land ziehen konnte.
Für die Schaffung von Arbeitsplätzen schien die Entwicklung des Tourismus eine große Chance. Deswegen kamen vielfältige Vorschläge ans Tageslicht. Der schneesichere Bayerische Wald bot vor allem Möglichkeiten für den Wintersport. Der aufkommende Trend führte über die ganze Region zu zahlreichen Initiativen. Die Investitionen wurden durch staatliche Wirtschafts-Fördermittel unterstützt.
Die Wälder entlang der Grenze waren jedoch weitgehend in staatlichem Besitz. Ohne die Zustimmung und Bereitschaft zur Unterstützung war hier wenig auszurichten. Am Dreisessel entstand damals der längste Schlepplift Deutschlands. Auf den Südwesthängen des Dreiländerbergs wurde eine breite Schneise in den Wald geschlagen.
Die Kreisstraße, die ebenfalls in dieser Zeit an die Gipfelregion des Dreisessel gebaut wurde, musste mit zwei (besonders hässlichen) Betonbrücken überspannt werden, je eine für die Lift-Trasse und eine für die Abfahrt. Am Almberg entstand in dieser Zeit ebenfalls eine neue Abfahrt, die an den Südwesthängen in den Staatswald geschlagen wurde.
Damit das Skifahren möglich ist, mussten umfangreiche Planierungen durchgeführt werden. Solche nachhaltigen Veränderungen des Landschaftsbildes und Eingriffe in den Naturhaushalt riefen - verständlicherweise - die Naturschützer auf den Plan.
Auslöser für die massiven Forderungen nach einem Nationalpark im Rachel-Lusen-Gebiet waren ähnliche Pläne, die die Landschaft noch wesentlich stärker in Mitleidenschaft gezogen hätten.
So gab es beispielsweise die Vorstellung, vom oberen Reschbachtal einen Sessellift in Richtung Lusen zu bauen, verbunden mit entsprechenden Schneisen für die Abfahrt mit Skiern. In Spiegelau entstand die Vorstellung, eine Seilbahn auf den Rachel zu bauen und in der Gegend der Fredenbrücke sollten die Hänge in Richtung Plattenhauser und Spitzberg in einen Skizirkus umgewandelt werden.
In Waldhäuser war in Privatinitiative ein attraktives Angebot für den alpinen Skilauf entstanden. Der zuständige Naturschutz-Fachmann, der mit all diesen Plänen konfrontiert wurde, war während dieser Jahre Diplomforstwirt Hubert Weinzierl, der bei der Regierung von Niederbayern das Amt des "Beauftragten für Naturschutz" bekleidete. Dieses Amt wurde seinerzeit ehrenamtlich vergeben. Hauptamtliche, für Naturschutzfragen zuständige Bedienstete, gab es seinerzeit weder bei der Regierung noch bei den Landratsämtern.
Die Naturschützer standen vor einem schwer lösbaren Dilemma: "Ihr könnt nicht ständig Nein sagen!" Aus den persönlichen Bekenntnissen von Hubert Weinzierl geht hervor, dass die vielfältigen und massiven Entwicklungsvorstellungen seitens der Wirtschaftsstrategen der Auslöser dafür waren, dass er die Pläne wieder aufgriff, die eigentlich schon Anfang der 50-er Jahre endgültig zu den Akten gelegt worden waren:"Versucht es doch mit einem Nationalpark. Deutschland hat zwar schon 40 Naturparke, aber bislang noch keinen echten Nationalpark!"

                                             Ein wichtiger Motor der Nationalpark-Idee
Teil 4 der Serie des Grafenauer Anzeiger zum Nationalpark-Jubiläum im Jahr 2020 - Heute: die Rolle von Karl Bayer
05.04.2018 | Stand 04.04.2018, 18:26 Uhr
Grafenau. Was heute als das Markenzeichen unserer Region gilt, ist unter großen Wehen entstanden. Die Rede ist vom Nationalpark Bayerischer Wald, der im Jahr 2020 seinen 50. Geburtstag feiern wird. Anlass genug für den Grafenauer Anzeiger, im Vorfeld eine kleine Serie zu starten, die den Weg bis zur Geburt des Parks aufzeigt.
Autor ist Michael Haug, langjähriger Nationalparkmitarbeiter der ersten Stunde, der dessen Entstehungsgeschichte wohl wie kein Zweiter kennt. Im vierten Teil der Serie geht es um einen der wichtigsten Streiter für den Nationalpark - nämlich den Grafenauer Karl Bayer (*1925, †1995).

karl_bayer.JPG

Foto: Egon M. Binder/PNP/Grafenauer Anzeiger

So stellt z. B. Georg Sperber in einem Vortrag vom September 2000 fest: "Der Naturschutz-Stratege Hubert Weinzierl, der populäre Nationalpark-Experte Bernhard Grzimek und der Pragmatiker Karl Bayer ergänzten sich ideal zur Führungsspitze der Nationalparkbewegung!"
Wer war Karl Bayer? Er stammte aus Unterfranken, hatte Forstwissenschaft studiert und war nach seiner Referendarzeit zunächst Beamter in Diensten der staatlichen Forstverwaltung, Mitarbeiter im staatlichen Sägewerk in Spiegelau, später Forstmeister beim staatlichen Forstamt Spiegelau. Bei den Wahlen zum Bayerischen Landtag im Jahr 1962 kandidierte er für die SPD und erreichte ein Landtagsmandat. Damit wechselte er aus dem Forstdienst in die Politik. Sein kommunales Engagement trug bereits im Jahr 1964 - damals völlig überraschend - erste Früchte.
Im Landkreis Grafenau wurde der etablierte CSU-Landrat Bogenstätter bei den Kommunalwahlen abgewählt. Mit knappem Ergebnis konnte Bayer damals sensationell den Landrats-Sessel in Grafenau erobern. Sein Mandat als Landtagsabgeordneter erlosch nach einer Legislaturperiode 1966, weil zwischenzeitlich eine gesetzliche Regelung geschaffen wurde, dass die beiden Ämter nicht mehr gleichzeitig ausgeübt werden dürfen.
Als Landrat von Grafenau wurde im letzten Drittel der 60er Jahre zur Speerspitze der regionalen Befürworter des Nationalparks. Aufgrund seiner forstlichen Vergangenheit kannte er die Wälder und war entsprechend fachlich versiert. Seine landespolitischen Erfahrungen als Abgeordneter kamen ihm zu Gute und er kannte die Forstverwaltung als Insider.
Mit seiner umgänglichen Art und seiner Beredsamkeit kam er bei der Bevölkerung gut an. Zentrale Ursache seines erfolgreichen Einsatzes für den Nationalpark war jedoch sein Organisationstalent und seine Durchsetzungsfähigkeit. Ihm gelang es in kurzer Zeit, dass der Eindruck entstehen konnte, die gesamte Region steht einmütig hinter der Idee, dass im Gebiet zwischen Rachel und Lusen ein Nationalpark entstehen soll.Bedenken, die von verschiedensten Seiten vorgebracht wurden, konnte er wirksam in Schach halten. Vor allem gelang es ihm, dass die Wünsche entsprechend massiv und wirksam "nach oben" vertreten wurden und dass er bei der Regierung von Niederbayern qualifizierte Mitarbeiter gewinnen konnte, an der Spitze der Regierungspräsidenten Johann Riederer.
Auf kommunaler Ebene entstand - landkreisübergreifend - ein Zweckverband, der die Pläne vorantreiben sollte. Die Landkreise Wegscheid mit dem damaligen Landrat Muthmann sowie die Landkreise Wolfstein und Grafenau, marschierten in dieser Sache gemeinsam.
Karl Bayer war sehr offen gegenüber den Beamten und Angestellten die seit November 1969 mit der Verwirklichung der Pläne für den Nationalpark beauftragt waren. Es war allgemein bekannt, dass die Bayerische Staatliche Forstverwaltung in München und die Oberforstdirektion in Regensburg der Idee eines Nationalparks gegenüber sehr skeptisch bis ablehnend gegenüber standen. Er unterstützte das neue Nationalparkamt tatkräftig und machte immer wieder seinen kommunalpolitischen Einfluss geltend.
Als Vorsitzender der Fremdenverkehrsgemeinschaft Grafenau war er maßgeblich daran beteiligt, dass in den Anfangsjahren eine dringend notwendige Infrastruktur für die Besucher des Nationalparks geschaffen wurde. Nach der kommunalen Gebietsreform (Zusammenlegung des Landkreises Wolfstein und Grafenau) verlor Bayer sein Amt als Landrat. In der Folgezeit war er Bürgermeister der Stadt Grafenau.

Gipfeltreffen auf dem Lusen

Teil 5 der GA-Serie zum Nationalparkjubiläum 2020 - Kontroverse Diskussion auf dem "Deutschen Naturschutztag" vor 50 Jahren

Gipfeltreffen.JPG

Foto:privat

Der Grafenauer Landrat Karl Bayer (r.) und Niederbayerns Naturschutzbeauftragter Hubert Weinzierl (l.) diskutierten mit dem Weihenstephaner Prof. Wolfgang Haber am Lusengipfel über die Nationalparkprobleme. - F.: Repro PNP

Was heute als das Markenzeichen unserer Region gilt, ist unter großen Wehen entstanden. Die Rede ist vom Nationalpark Bayerischer Wald, der im Jahr 2020 seinen 50. Geburtstag feiern wird. Anlass genug für den Grafenauer Anzeiger, im Vorfeld eine kleine Serie zu starten, die den Weg bis zur Geburt des Parks aufzeigt.
Autor ist Michael Haug, langjähriger Nationalparkmitarbeiter der ersten Stunde, der dessen Entstehungsgeschichte wohl wie kein Zweiter kennt. Im fünften Teil der Serie geht es um ein wichtiges Gipfeltreffen am Lusen, das sich dieser Tage gejährt hat.
"An der Technischen Hochschule Weihenstephan wurde auch unter den Studenten relativ grundsätzlich über das Ansinnen diskutiert, in Deutschland einen ersten Nationalpark einzurichten. Gab es doch so etwas in Deutschland bis dato nicht.
Der damalige Leiter des Instituts für Landschaftspflege, Wolfgang Haber, hatte zu Anfang des Jahres sein Gutachten erstellt, das die Fachstellen nachdrücklich beschäftigte.Für mich gab es die Möglichkeit, an dieser denkwürdigen Veranstaltung teilzunehmen, am Donnerstag in dieser Woche, vor genau 50 Jahren.
So war ich am 21. Juni 1968 mit dabei, als das Gipfel-Treffen am Lusen stattfand und ich konnte live miterleben, wie dort die Argumente ausgetauscht wurden. Nicht im Traum konnte ich mir dennoch vorstellen, dass ich dazu - ein Jahr später - berufen wurde, an den Planungen mitzuwirken und schließlich einer der ersten Mitarbeiter wurde, der mit der Verwirklichung der Projekte betraut wurde.
Auf der Seite der Befürworter der Nationalpark-Idee stand zuvorderst der damalige Naturschutzbeauftragte bei der Regierung von Niederbayern, Dipl. Forstwirt Hubert Weinzierl.
Er hat dieses Ereignis in einem Buch festgehalten, das noch im Jahr 1968 beim Morsak-Verlag erschienen ist. "Deutschlands Nationalpark im Bayerischen Wald" und mit Untertitel - "soll Wirklichkeit werden!"
Dort heißt es unter dem Datum 19. Juni 1968: "In Straubing beginnt die größte Naturschutzveranstaltung, die wir in der Bundesrepublik kennen, der Deutsche Naturschutztag 1968. Im Mittelpunkt der Verhandlungen und Exkursionen steht natürlich der Nationalpark."
Die Presse berichtet: "Für eine ,ehrliche Lösung‘ des Nationalpark-Problems hat sich der Naturschutzbeauftragte von Niederbayern bei der Eröffnung des Deutschen Naturschutztages 1968 in Straubing ausgesprochen. An der Veranstaltung, der größten der deutschen Naturschutzbewegung, nahmen zahlreiche namhafte Naturschutzexperten aus der ganzen Bundesrepublik teil.
(...) Nicht zuletzt haben diese Exkursionen in den Bayerischen Wald den Zweck, die Teilnehmer am Naturschutztag in jene Gebiete zu bringen, die für den Nationalpark Bayerischer Wald ins Auge gefasst worden sind. Niederbayern verdankt es seinem Naturschutzbeauftragten, dass diese größte Veranstaltung der deutschen Naturschutzbewegung aus aktuellem Anlass (Nationalpark) in Straubing und nicht, wie zunächst vorgesehen, in Osnabrück stattfindet."
Und unter dem Datum 21. Juni 1968 steht zu lesen: "Etwa dreihundert Naturschutzexperten aus der ganzen Bundesrepublik und dem Ausland versammeln sich zu einer ,Gipfelkonferenz‘ - auf dem Lusengipfel nämlich. Professor Haber und Naturschutzbeauftragter Weinzierl verteidigen ihre Ideen, allerdings ohne nennenswerte Gegensätze... Die Nationalparkanhänger appellieren an Professor Haber, "seinem eigenen Gutachten treu zu bleiben". Die Stimmung der Teilnehmer ist allen Unkenrufen zum Trotz höchst positiv!"
Professor Dr. Wolfgang Haber bezeichnete den Bayerischen Wald als ein Gebiet mit geradezu historischer Bedeutung in der Diskussion um den Naturschutz in Deutschland. Der Bayerische Wald sei dazu ausersehen, eine Naturschutzeinrichtung zu tragen, wie sie in Deutschland bisher noch nicht vorhanden sei: einen Nationalpark. Die rund zweijährige Diskussion habe als Ergebnis gehabt, dass sich drei Forderungen herauskristallisiert hätten, die nunmehr miteinander zu vereinbaren wären. Einmal bestehe der Wunsch nach einem großen, vollen Naturschutzgebiet ohne menschliche Eingriffe, weiter der Wunsch, ein großes Wildrefugium zu schaffen und schließlich wolle man damit ein großräumiges Erholungsgebiet einrichten.
Haber bezeichnete in seinen Ausführungen den Bayerischen Wald als "eine Kostbarkeit in Mitteleuropa". Hier fänden sich in den Hochlagen noch wertvolle Fichtenbestände, an denen auch die forstliche Bewirtschaftung nicht viel verändert habe. Dr. Haber zollte im übrigen der Forstverwaltung großes Lob dafür, dass sie den Bayerischen Wald in einem Zustand erhalte, der den Besuch des Waldes zu einem Erlebnis werden lasse. Wenn dieses Waldgebiet andererseits in verstärktem Umfang dem Fremdenverkehr eröffnet werden solle, so müsse man Kompromisse zwischen Fremdenverkehr und Naturschutz schließen.

Als die Motorsäge Arbeitsplätze fraß

6. Teil der GA-Serie zum Nationalparkjubiläum 2020 - Wirtschaftliche Situation im "Ostbayerischen Grenzgebirge"
PNP 29.06.2018 | Stand 28.06.2018, 16:20 Uhr

29-62230456_-_Kopie.JPG
Michael Haug ,Foto:PNP,Andreas Nigl

Er begleitete die Entstehung des Nationalparks von der ersten Stunde an: Michael Haug. - F.: Nigl
Grafenau.

Was heute als das Markenzeichen unserer Region gilt, ist unter großen Wehen entstanden. Die Rede ist vom Nationalpark Bayerischer Wald, der im Jahr 2020 seinen 50. Geburtstag feiern wird. Anlass genug für den Grafenauer Anzeiger, im Vorfeld eine kleine Serie zu starten, die den Weg bis zur Geburt des Parks aufzeigt.
Autor ist Michael Haug, langjähriger Nationalparkmitarbeiter der ersten Stunde, der dessen Entstehungsgeschichte wohl wie kein Zweiter kennt. Im sechsten Teil der Serie geht es um die wirtschaftliche Situation im "Ostbayerischen Grenzgebirge".
"Wenn man die Situation und die Rahmenbedingungen verstehen will, die zur Entstehung des Nationalparks führten, dann lohnt es sich, einen Blick zu werfen auf die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse dieser Zeit.Problem-Region, Armenhaus Deutschlands, Strukturschwäche, Abgehängt vom Wirtschaftswunder - die volkswirtschaftlichen Kernzahlen gehörten mit zu den schlechtesten in Deutschland. Niedriges Bruttosozialprodukt, hohe Arbeitslosen-Quote, zahlreiche Fern-Pendler, die ihr Geld in den Großstädten verdienten und nur an den Wochenenden bei ihren Familien weilten. Manche Ortschaften im Bayerischen Wald, vor allem in der Nähe der Grenze, hatten eine Arbeitslosen-Quote, die im Winter bei 40 Prozent lag.
Zu den ungünstigen Lebensbedingungen trug oft auch die hohe Zahl der Kinder in den Familien bei. Hinzu kam eine denkbar schlechte Agrar-Struktur. Die durchschnittliche Größe der landwirtschaftlichen Betriebe betrug sechs bis sieben Hektar und aus Brüssel kam die Kunde, dass diese Art Landwirtschaft auf Dauer keine Zukunft hat. Viele landwirtschaftlichen Flächen waren nass oder stark hängig und darüber hinaus schlecht erschlossen.
Das Straßen- und Wegenetz befand sich nicht selten in einem katastrophalen Zustand. Der so genannte "Mansholt-Plan" der EU sorgte für erhebliche Unruhe. In der Grenznähe war einer der wichtigsten Arbeitgeber die staatliche Forstverwaltung.
Gegen Ende der 60-er Jahre war die Umstellung der Waldarbeit in vollem Gange. Die Motorsäge trat ihren Siegeszug an. Die Arbeit im Winter, wo früher das Holz mit den Zug-Schlitten zu Tal gebracht wurde, ging unaufhaltsam ihrem Ende entgegen. Der Holztransport auf dem Wasser, die Trift, wurde sukzessive aufgegeben.
Mit dem Bau eines Netzes aus Forst-Straßen konnten nun auch entlegene Waldorte mit dem LKW angefahren werden. Die zunehmende Motorisierung im Wald kostete selbstverständlich in zunehmendem Maße Arbeitsplätze. Bei der Forstverwaltung war man zunächst zurückhaltend im Hinblick auf die Entlassung von Arbeitskräften. Es war aber unübersehbar, dass die staatlichen Forstämter vollständig überausgestattet waren mit Arbeitskräften. Die Angst um den Verlust dieser, bislang relativ sicheren Arbeitsplätze ging um. Die Hoffnung, dass sich in der Region neue Arbeitsplätze entwickeln könnten, z. B. in Industrie oder Gewerbe, war relativ gering.So wurde das Gebiet zum bevorzugten Arbeitsraum von Nationalökonomen, Entwicklungsstrategen und Strukturpolitikern. Neue Ideen waren gefragt, innovative Konzepte in der Landesplanung und in der staatlichen Förderung. Unumstritten war zunächst, dass die Region für die Entwicklung des Tourismus besonders gut geeignet ist. Deswegen konzentrierten sich die Bemühungen um eine Verbesserung der Einkommenssituation auf die Förderung von Maßnahmen des Fremdenverkehrs.
Mit einem "nationalen" Projekt in Sachen Tourismus verband sich auch die Hoffnung, dass sich der Bund engagieren könnte. Ein "Nationalpark" müsste doch auch aus den Kassen der Bundesrepublik gefördert werden.Hier entstand freilich ein grundsätzlicher Konflikt. Wenn die Natur strenger geschützt werden soll, dann bedeutet das doch unterm Strich, dass damit auch die Arbeit im Wald als wichtige Einnahmequelle wegfallen würde.
Die Gewerkschaft der Waldarbeiter war demnach konsequenter wie eine der wichtigsten Gegner eines Nationalpark-Projektes.

 

 

 



zurück zur Übersicht
impressum
Pro Nationalpark Freyung-Grafenau . Info-Hotline und Führungsservice . Nationalpark Bayerischer Wald . 0800-0776650
WALDFÜHRER LOGIN
Benutzername:
Passwort: