PNP Interview

Bis dato kein Problem für den Wald

Wie sich der fehlende Regen im Nationalpark auswirkt - Es gibt Gewinner und Verlierer 
PNP 01.05.2020 | Stand 30.04.2020, 20:32 Uhr       

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Im Nationalpark werden das Wettergeschehen und seine Auswirkungen auf die Natur genau beobachtet. Insbesondere die Fichten leiden unter der verstärkten Trockenheit in den vergangenen Jahren. -Foto:Dr.Franz Leibl, Leiter Nationalpark Bayerischer Wald       

Zwieseler Winkel. Ein trockener Sommer folgt auf den nächsten und auch aktuell haben wir Wochen fast ohne Regen hinter uns. Wie wirkt sich das auf den Wald im Nationalpark und seine Bewohner aus? Experten des Parks haben uns dazu Fragen beantwortet. 
Wie dringend braucht der Wald derzeit Wasser? Gibt es Zahlen zur Niederschlagsmenge im Vergleich zu Normaljahren?
Burkhard Beudert, Geoökologe: Dank der nationalparkeigenen Klimastation in Waldhäuser können wir auf eine lange Datenreihe zurückblicken. Betrachtet man die Monate November bis März, so lag für diesen Zeitraum der durchschnittliche Niederschlag in den Jahren von 1973 bis 2019 bei 591 Litern pro Quadratmeter. Der Normalbereich, in dem zwei Drittel aller Niederschlagssummen lagen, war zwischen 433 und 749 Litern pro Quadratmeter. Sie leiden langfristig unter den höheren Temperaturen: die Ringdrossel und der Siebenstern. Im vergangenen Winter haben wir eine Niederschlagsmenge von 511 Litern pro Quadratmeter registriert. Dieser Wert war folglich im Normalbereich. Bis dato also kein Problem für den Wald, heuer reicht ihm das Wasser. Überdurchschnittlich wenig Niederschläge gab es zum Beispiel in den Wintern 2013/14, 2014/15 und 2016/17. Sie profitieren von der Erwärmung: der Trauer-Rosenkäfer und der wollige Scheibling Grundsätzlich ist anzumerken, dass die Winterniederschläge bedeutsam für die Grundwasserneubildung und damit für die Trinkwasserversorgung sind. Diese waren heuer nach einer Reihe überdurchschnittlich trockener Winter wieder gut, so dass die Speicher durchschnittlich gut gefüllt sind. Die Sommerniederschläge und deren Verteilung sind hingegen ausschlaggebend für das Ökosystem Wald. Von Mai bis Oktober waren dies in Waldhäuser im langjährigen Mittel 667 Liter pro Quadratmeter. Auffälligkeiten in den Vorjahren gab es keine. In weiten Teilen Deutschlands entspricht dies übrigens bereits der gesamten Jahresmenge an Niederschlägen. 
Dennoch: Das Thema Trockenheit beschäftigt den Wald ja bereits einige Jahre. Kann man hier schon von den Folgen des Klimawandels sprechen?
Burkhard Beudert: Hier bei uns haben sich die Jahresniederschlagssummen in den letzten zehn Jahren zwar verringert, von einer Tendenz über den gesamten Zeitraum gesehen, können wir aber noch nicht sprechen. Wie sich dies in Zukunft entwickelt, wissen wir auch noch nicht. Etwas anders sieht es beim Thema Temperaturen aus. Der April ist mittlerweile drei bis vier Grad wärmer als noch vor 30 Jahren. Zwischen Mai und August liegt der Temperaturanstieg immerhin noch bei etwa zwei Grad. Das vergrößert natürlich die Wasserverluste des Waldes durch Verdunstung.
Welche Baumarten leiden besonders unter der Trockenheit und wieso?
Prof. Jörg Müller, stellvertretender Nationalparkleiter:
Bayernweit leidet die Fichte als eine Bewohnerin der niederschlagsreichen Bergregionen am schnellsten unter der Trockenheit. Wir beobachten inzwischen aber auch bei der Rotbuche Trockenstress, besonders in den warmen Regionen. Andere Baumarten, wie die Eichen oder der Feldahorn, kommen dagegen mit der Situation deutlich besser zurecht.   
Profiteur der Trockenheit ist der Borkenkäfer. Kann man das so formulieren und warum ist das so?
Jörg Müller: Der Buchdrucker profitiert allgemein von trockener und warmer Witterung. Trockenstress reduziert die Abwehrkräfte der Altfichten. Weniger Harzabwehr erlaubt es den Käfern, sich in die Bäume einzubohren. Lange warme Phasen ermöglichen zudem mehrere Generationen. Damit wächst die Population der Käfer rasch an, was das Überwältigen auch vitaler Bäume möglich macht. 
Wie reagiert man im Waldmanagement des Nationalparks auf die Trockenheit?
Dr. Franz Leibl, Leiter des Nationalparks: In den Rand- und Entwicklungszonen erfolgt die bereits bewährte intensive Käferkontrolle. Befallene Bäume werden entnommen, um angrenzende Privatwälder effektiv vor ausschwärmenden Käfern zu schützen. Schadholz, das länger gelagert wird, wird vorher komplett entrindet.
Was kann man tun, um dem Wald zu helfen?
Jörg Müller: Im Nationalpark herrscht der Grundsatz -Natur Natur sein lassen. Wir greifen daher nicht in die natürliche Entwicklung ein. Unser Ziel ist es aber, die Prozesse genau wissenschaftlich zu begleiten. Untersuchungen erfolgen mit führenden Käferforschern weltweit. Durch die so gewonnenen Erkenntnisse können auch Kollegen im Bereich der Forstwirtschaft profitieren.
In den Entwicklungszonen sind ja menschliche Eingriffe erlaubt: Pflanzt der Nationalpark derzeit Bäume, die besser mit der Trockenheit beziehungsweise dem Klimawandel klar kommen? Wenn ja: Wo und welche Bäume?
Franz Leibl: Gerade in den Entwicklungszonen südwestlich von Zwieslerwaldhaus sind Pflanzungen geplant. Hier dominiert die Fichte auf Grund der früheren forstlichen Nutzung. Dort sollen hauptsächlich Tannen und Buchen gepflanzt werden, um die Entwicklung hin zu einem natürlichen Bergmischwald zu unterstützen.
In den Naturzonen gilt Prozessschutz: Was wird mit dem Wald dort passieren? Wie werden sich die Waldbilder dort verändern?
Jörg Müller: Wir rechnen mit einem Anstieg von Buche und Tanne. Modellrechnungen weisen darauf hin, dass auftretende Störungen - wie Borkenkäferbefall oder Windwurf - in den kommenden Jahrzehnten weniger intensiv ablaufen werden als es in vom Menschen vereinheitlichten und mit Fichte angereicherten Wäldern der Fall war.
Kann man ein paar konkrete Beispiele nennen: Welche Arten leiden unter der Situation und sind gefährdet und welche Arten profitieren von der Entwicklung?
Franz Leibl: Unter höheren Temperaturen leiden langfristig betrachtet vor allem montane Arten wie die Bergglasschnecke, der Siebenstern oder die Ringdrossel. Die sind sowieso auf die Gipfellagen beschränkt. Wenn es wärmer wird, verlieren sie die letzten Reste ihres Lebensraums. Auf der anderen Seite sind im Nationalpark mittlerweile auch Arten zu finden, die bisher nur in wärmeren Regionen vorkamen. Ein Beispiel dafür ist der Trauer-Rosenkäfer oder der wollige Scheibling, ein wärmeliebender Pilz.       


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